Lebenszeichen
13. Mai 2008 von petrovna
Ich wollte nur mal schnell Bescheid sagen, dass es uns noch gibt. Das Wochenende war ganz schön lang und wurde ausgiebig verfeiert; nicht nur von uns, sondern auch allgemein. Es war nämlich день победы, der Tag des Sieges. Am Abend zuvor waren wir bei einer doppelten Geburtstagsparty eingeladen, den Tag haben wir dann getrennt verbracht. Kai hat das Spektakel um den Tag des Sieges verfolgt, während ich den halben Tag verschlafen habe. Die Militärparade, die in Sankt Petersburg abgehalten wurde, war im Vergleich zum Aufmarsch in Moskau eher klein, schweres Gerät gab es gar nicht zu sehen. Abends gab es ein Feuerwerk über der Neva, die ganze Innenstadt war in Volksfeststimmung und wir steckten irgendwie verpeilt zwischen den Menschenmassen und waren erst auf der Brücke mit der besten Aussicht angelangt, als das Spektakel schon vorbei war. War aber nicht schlimm, wir haben einfach die sommerliche Stadtkulisse genossen und uns später in einem schrägen Mysterium, das gleichzeitig ein Fastfood-Restaurant und eine Disko sein will (und bezeichnenderweise “или” -”oder”- heißt), noch auf die Schnelle die Ohren ramponiert.
Am darauf folgenden Tag waren wir schon wieder zu einer Party eingeladen, diesmal die Einweihung einer deutsch-russischen Wohngemeinschaft. Allerdings steckten uns die letzten Tage noch in den Gliedern und wir haben die letzte Metro nach Hause genommen. Wir hoffen, die Gastgeber verübeln uns das nicht…
Ansonsten plätschert hier alles so vor sich hin. Ich gehe arbeiten, Kai schläft aus
(manchmal kocht er mir auch morgens Kaffee!), mal scheint die Sonne, dann regnet es wieder - und man fragt sich, wann man wohl das nächste Mal dazu kommt, die T-shirts zu tragen, die man am Tag zuvor in Hochsommerstimmung gekauft hat.
Morgen haben wir wieder Russisch bei unserer kleinen Omi. Sie ist 82 und eine ehemalige Germanistik-Professorin, die uns an ihrem Wohnzimmertisch immer alle möglichen Geschichten über die UdSSR erzählt und dabei auch gerne das ein oder andere alte Vorurteil vom Stapel lässt ohne mit der Wimper zu zucken. Ich weiß manchmal nicht, ob sie uns eigentlich veräppelt oder ob sie wirklich denkt, dass Amerikaner immer die Füße auf jeden Tisch legen, der ihnen in die Quere kommt.
Wie dem auch sei, wir haben uns jedenfalls mittlerweile eingedeckt mit Lehrbüchern; jetzt fehlt nur noch die spontane Eingebung und wir wachen hoffentlich demnächst morgens auf und sprechen fließend Russisch!