Feeds:
Artikel
Kommentare

Weißer Sommer

Wer hat es als Kind nicht geliebt, den reifen Blütenstengel eines Löwenzahns von der Wiese zu rupfen und mit einem kräftigen Pusten die an ihm hängenden Samen durch die Luft fliegen zu lassen. Für mich war das großartig. Ich bekam ja auch eher selten diese Seifenblasenpustedingse, schließlich war das ja immer so ein “Geschmiere”.

P7030449Im Moment scheint es, als würde diese so oft von der Wiese gerissene Pflanze Rachepläne schmieden und die Welt von Sankt Petersburg aus übernehmen zu wollen. In der ganzen Stadt fliegen nämlich deren Samen durch die Gegend. Überall – gern auch in jenen dunklen Ecken, in denen jemand seinen Harndrang nicht mehr unterdrücken konnte – bilden sich Knäuel. Öffnet man das Fenster, schlägt einem sofort eine Fusselwolke entgegen. Und wenn man dann mit einem Staubsauger dagegen ankämpfen will, fliegt das Zeug durch das Staubsaugergebläse wie wild durch die Gegend. Wie ein Schwarm erschrockener Fliegen von einem Haufen Exkremente. Man steht also im Raum und verfolgt den Kram mit dem Staubsaugerrohr. Und dann öffnet man wieder das Fenster und alles fängt von vorn an…

Zeit, endlich ein Fliegengitter zu kaufen.

Waren wir nicht schon immer alle neugierig?

Ich frage mich seit ich hier angekommen bin, warum der Lack mancher vermeintlich uralter Fahrzeuge noch so gut in Schuss ist. Bisher habe ich angenommen, dass der Fahrer dieses Wagens sein Auto so sehr liebt, dass er ihm dann und wann eine neue Lackierung geben lässt. Das ist natürlich abwegig, zumal nach einem Unfall in den seltensten Fällen Teile erneuert werden, sondern rostgefährdete Stellen einfach mit Plastiktüten oder gar -planen überklebt werden. Seit kurzem soll es ja ein staatliches Überwachungsorgan geben, das regelmäßig vom technischen Zustand der Fahrzeuge auf Russlands Straßen überzeugt werden will. Dass dazu nicht unbedingt das Auto in Augenschein genommen werden muss, sei mal dahin gestellt.

Wikiniva13aDie Rede ist vom Lada Nova oder auch Shiguli, eigentlich nur eine angepasste Variante des in Italien hergestellten Fiat 124. Für den russischen Markt wurden dem Auto weichere Stoßdämpfer, eine verstärkte Karosserie und natürlich eine Heizung spendiert. Und so ist dieses schnuckelige Automobilchen seit den frühen siebziger Jahren auf den Straßen unterwegs. Das Design ist ja eher keins klassisch. Wenn kleine Kinder einen fahrbaren Untersatz malen, bringen sie etwas aufs Papier, das diesem Fahrzeugtypen sehr nahe kommt. Was ich bislang nicht wusste: Bis heute wird das Viech noch gebaut. Der Hersteller hat noch einige andere Typen entwickelt, die sogar vorzeigbar sind und auch auf internationalen Automobilmessen ausgestellt werden, aber wie auch der geländegängige Niva und der sportlich aussehende sportliche  Samara rollen noch immer die Klassiker vom Band. Vielleicht gibt es die mittlerweile mit Navigationssystem, CD-Wechsler, diversen Airbags, geregeltem 3-Wege-Katalysator und anderem technischen Schnickschnack, am Design hat sich aber seit fast 40 Jahren praktisch nichts geändert.

Den Weg hätte der Heimcomputerpionier Commodore doch eigentlich auch gehen können. Dann würden in vielen Haushalten noch immer Brotkästen auf dem Schreibtisch stehen. Das neueste Modell – der C-32768 – hätte einen nVidia-Grafikchip auf der Platine und einen IC-6581 mit vier Kernen. Es gäbe auch eine Serverausführung im 19-Zoll-Format, die sich in Serverschränke schrauben ließe und mit “GEOS Viva” die einzige grafische Benutzeroberfläche, die sich noch mit einem Joystick steuern ließe. Wow!

Grüner Winter

Nach langem Warten und Frieren sind die Temperaturen über zwanzig Grad auch in Sankt Petersburg angekommen. Der “grüne Winter” oder wie Puschkin einst formulierte: “Die Karikatur des südlichen Sommers”.

Alle dreißig Minuten fährt ein Touristenboot den Kanal entlang, auf  dem ein(e) ReiseführerIn lautstark mehr oder minder interessante Details zu den am Ufer stehenden Gebäuden verrät. Sozusagen eine Loveparade des Sightseeing. Dazu gesellt sich aber auch gleichzeitig wieder die gewagte Mode russischer Frauen. Auf hohe Absätze wurde natürlich auch im Winter nicht verzichtet. In diesem Sommer werden wir auch wieder Zeuge von Frauen, die in Cocktailkleidern durch den Supermarkt stolzieren, überproportionierten Sonnenbrillen, dicken Männer in Muskelshirts, Sonnenbadenden auf den Dächern und Sonnenbadenden auf allen noch so kleinen Grünflächen der Stadt.

Zeit des Sommers scheint aber vor allem auch die Zeit des (Mini)rockes zu sein. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, die Röcke seien in allen Längen zu sehen. Sie sind nämlich vor allem eins: kurz. Nicht selten sieht man Exemplare, die etwas unter der Unterhose beginnen und nur knapp unter dem Schritt aufhören. Natürlich soll nichts exponiert sein, daher muss die Breitbandmode auch im Abstand von wenigen Sekunden wieder straff gezogen werden.

Wäre ich das Kind der Mutter, die neulich in der Kirche passend zum Rock auch einen Ausschnitt wie ein Schaufenster hatte, ich hätte mich in Grund und Boden geschämt…

Potschta Rossij

Allzu viel Erfahrung mit der russischen Post konnte ich noch nicht sammeln, ich habe bisher lediglich zwei Sendungen auf den Weg nach Deutschland gebracht: einen Schal und ein Formular für Lindas Kundenberater bei der Bank. Der Schal ist tatsächlich nach einigen Wochen angekommen, von dem Formular fehlt bis heute jede Spur.

Im März war ich im Nachbarland Litauen und habe aus der Hauptstadt eine Briefsendung verschickt, die innerhalb von zwei Tagen angekommen ist. Nun mag man vermuten, dass die Post aus einer russischen Großstadt unweit der Grenze zu diversen anderen europäischen Staaten erst nach mehreren Wochen ankommt, weil die Logistik der russischen Post seit der Revolution von 1917 nicht optimiert wurde. So gibt es Behauptungen darüber, dass die Sendungen durch einige Briefzentren in Sankt Petersburg sowie in der russischen Hauptstadt geleitet werden, zwischendurch in einer geheimen unterirdischen Postbasis unter dem ewigen Eis Nordsibiriens vorsortiert und einer noch geheimeren Mondbasis der russische Post nachsortiert werden, bevor man sie letztlich in Richtung Zielland befördert. Zum Teil klingt das auch plausibel.

Nun gibt es aber auch Hinweise darauf, dass ein fehlgeschlagenes quantenphysikalisches Experiment dafür verantwortlich zu machen ist. In Grenznähe zum heutigen Litauen wurden zu Zeiten der Sowjetunion nämlich erstaunliche Forschungen betrieben, die zu einer Krümmung, Faltung und Drehung des Raum-Zeit-Kontinuums in dieser Region geführt haben. So verschwinden täglich Tausende von Briefsendungen in einer Art Wurmloch, um erst Wochen später wieder aufzutauchen. Es gibt auch Berichte über Personen, denen man nachsagt, “von gestern” zu sein. Mittlerweile vermutet auch ein nicht unbeträchtlicher Anteil von russischen Physikern, dass das vor vielen Jahren verschwundene Bernsteinzimmer laut aktuellsten Berechnungen in kurzer Zeit wieder auftauchen wird.

Den Beweis sowie Quellenangaben zu diesem Thema muss ich leider schuldig bleiben. Ich habe diese Informationen einem verschwörerischen Gespräch am Nebentisch in einer Kneipe entnommen, bei dem es unter Anderem auch um solargetriebene Tiefseefahrzeuge ging. Vielleicht habe ich das Ganze auch nur geträumt.

Muttermilchschnaps

Gemeinhin bekannt ist, dass vor allem in den ländlichen Regionen Russlands Alkoholismus eine sehr verbreitete Krankheit ist. Ein kürzlich erschienener Zeitungsbericht schildert eine traurige Geschichte aus einem Verwaltungsbezirk nahe der chinesischen Grenze.

Demnach hat eine junge Mutter zweier Kinder an einem Freitag Nachmittag einen halben Liter Hochprozentiges getrunken und anschließend ihren vier Monate alten Sohn gestillt. Der Säugling starb nur kurze Zeit später an einer Alkoholvergiftung. Der Mutter war offenbar der Sinn des Stillens nicht klar. (Wieso riecht mein Säugling nach Knoblauch, wenn ich einen Döner gegessen habe?)

Da die Mutter ein weiteres Kind zu versorgen hat, wurde das kürzlich gesprochene Urteil zur Bewährung ausgesetzt. Ich vermute, dass es Länder gibt, in denen behördliche Organe die Vergiftung des eigenen Kindes durch Muttermilchschnaps als Anlass dazu nehmen, jedes weitere Kind aus der Obhut der Mutter zu nehmen.

Das Internetz und der Einzug der mit einem Mobiltelefon versendeten Kurznachricht in unsere Kommunikationsgewohnheiten brachte neben den gebräuchlichen Abkürzungen wie rofl, afaik, rtfm oder stfu auch die sogenannten Emoticons mit sich. Mittlerweile wurde die Aneinanderreihung von Satz- und anderen Zeichen sogar durch bunte und manchmal sogar animierte Bildchen ersetzt. Fleißige Kommentierer haben sich sicher auch schon darüber geärgert, dass das auch automatisch an Stellen passiert, die dafür eigentlich nicht vorgesehen waren.

Für Aufsehen sorgte gerade eine Kurznachricht, die eine junge Frau aus Novosibirsk an ihren Freund geschrieben hat. Stark alkoholisiert nach dem Konsum von sechs Litern Bier entschloss sie sich am späten Abend zu einer Spritztour mit dem Wagen ihres Freundes und überfuhr dabei einen Polizisten, der gerade zwei Fahrzeuge angehalten hatte. Der Polizist wurde bei diesem Unfall so schwer verletzt, dass er starb.

Die Fahrerin fuhr noch ein paar Meter weiter und hielt den Wagen an – allerdings nicht um dem Unfallopfer Hilfe zu leisten, sondern um ihren Freund zu fragen, was sie jetzt tun solle. Aber anstatt ihn anzurufen und aufgeregt von dem schrecklichen Vorfall zu berichten, schrieb sie ihm eine Kurznachricht mit etwa folgendem Wortlaut:

“Schatz, ich habe einen Polizisten umgebracht. Es tut mir leid :( Was soll ich jetzt machen?”

Ob es ihr leid tat, einen Polizisten überfahren zu haben oder dass sie den Wagen ihres Freundes beschädigt hatte, ist nicht ganz klar. Als die Polizei sie befragte, schien sie nämlich vor allem bestürzt über den Schaden am Fahrzeug zu sein. Die Höchststrafe für diese Tat ist laut Zeitungsbericht auf drei Jahre Freiheitsentzug festgesetzt.

“Schatz, ich muss vielleicht für drei Jahre ins Gefängnis :(

Sitze ja eigentlich im Büro, aber mir ist da gerade ein Artikel untergekommen, da kann ich mich ja nicht zurückhalten. Offenbar finden 25 Prozent der Angestellten in  Deutschland es legitim, im Arbeitsalltag ein bisschen herumzubestechen, falls das hilft. Das muss ich wohl nicht verstehen. Mehr dazu hier.

Rückmeldung

Es ist ja schon wieder eine Weile her alles hier. Auf welchem Stand seid ihr? Im Anschluss kam glaube ich mein vorher immer mal wieder nebulös erwähntes Rechtsextremismus-Seminar. Und mein Filmabend mit Rossiya 88. Könnt eigentlich mal ein paar Bilder hochladen, falls das nicht gegen irgendjemands Persönlichkeitsrechte verstößt. Jedenfalls war beides sehr erfolgreich und spannend und ich hoffe, dass wir evtl. die ein oder andere Anschlussveranstaltung machen können, vielleicht auch zu anderen gesellschaftlichen Themen.

Ja okay, der Akku vom Fotoapparat scheint leer zu sein.

Ich bin aber sowieso nur auf dem Sprung hier, weil ich eigentlich in meinen anderen Blog wollte, dessen Adresse ich euch ja bis heute aus gutem Grund vorenthalten habe, weil dort eh nichts passiert. Ich arbeite nämlich immer noch an meinem Multimedia-Führerschein und die nächste Aufgabe besteht darin, aus Landeskundemotiven ein Reisetagebuch anzulegen. Ich überlege die ganze Zeit, ob es legitim ist, z.B. nach Sibiu “zu reisen”, wo ja die deutsche Sprache auch heute noch eine Rolle spielt, um die vorgeschlagene Moseltour oder den Abstecher nach Aurich zu vermeiden. War eigentlich irgendjemand der Leser/innen zufällig damals mit auf Klassenfahrt an der Mosel? Seltsamerweise erinnere ich mich nämlich kaum an Details und frage mich manchmal, ob ich überhaupt selbst dabei war. Scheint ja nicht so spannend gewesen zu sein.

Was anderes: Mein nächstes noch etwas in der Luft schwebendes  Projekt wird eine Lesegruppe sein, in der ich mit unseren Schülern und -innen Juli Zehs Debüt “Adler und Engel” lesen und diskutieren will. Kennt das jemand? Ich lese es gerade und kann es wirklich empfehlen. Hatte zuerst zugegebenermaßen wenig Lust, weil ich eigentlich gerade privat einen Krimi lese, von dem ich mich nicht ablenken lassen wollte, aber jetzt ist es doch wieder die typische Parallelleserei geworden, die mir andauernd passiert. Aber es lohnt sich wirklich, der Roman ist nicht nur absolut unterhaltsam, sondern auch noch wirklich gut geschrieben, mit sehr treffsicheren Dialogen. Die Dialoge sind ja das, was meistens nicht so richtig hinhaut und dann so vor sich hin holpert, aber hier überhaupt nicht.  Könnt ja mal reinschauen!

Irgendwie war das heute ein Tag, da fragt man sich, okay, wozu, bitte?

Ich fand auch Sonntage sowieso noch nie so richtig gut. Die haben immer sowas Komisches an sich, als ob die  nicht zur Woche dazugehören. Die alte ist irgendwie schon vorbei und die neue hat noch nicht angefangen.

Ich weiß auch gar nicht, wieso ich jetzt nicht mal ins Bett gehe, dann ist morgen wenigstens Montag.

Ich träume heute bestimmt von Kartoffeln. Oder von Geisterparties in zu hütenden Häusern.

Ältere Artikel »